Autos raus aus den Städten

Sie sind laut, stinken und stehen die meiste Zeit still. Vereine wie „autofrei leben!“ oder die Deutsche Umwelthilfe fordern seit Jahren, private Autos in Städten abzuschaffen. Forscher sagen: Es wäre schon jetzt möglich!

Acht Kilometer pro Stunde. Schneller ist der selbstfahrende Kleinbus-Shuttle „Olli“ nicht. Er biegt um die Ecke und bleibt stehen. Ein Auto kreuzt seinen Weg. Ein Problem für den Bus, denn noch kann er Hindernisse nur erkennen, ihnen aber nicht ausweichen. Bald, so erträumen es sich die Entwickler, soll er mehrere Menschen gleichzeitig von A nach B transportieren können. „Olli“ ist Teil einer Vision – die Vision der autofreien Stadt.

Fahrrad, Bus und Bahn: Wichtige Verkehrsmittel in der Stadt

Einer, der das fordert, ist Christian Scherf. Er forscht am Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel zu Alternativen zum eigenen Auto. „Dieses System aus Car- und Bikesharing wird dem Menschen besser gerecht, denn es steigert die Lebensqualität. Der Einzelne könnte viel situationsabhängiger entscheiden, wann er welches Fortbewegungsmittel nimmt.“ In Berlin gäbe es ohne Privatautos mehr Platz für Fahrrad- und Fußwege. Busse, Straßen- und U-Bahnen führen häufiger und im abgestimmten Takt. Um das Ganze zu finanzieren, brauche es vor allem politischen Willen, glaubt Scherf.

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Der selbstfahrende Shuttlebus „Olli“ soll in Zukunft auch in der Innenstadt seine Runden drehen. Fotos: Birgit Raddatz

Brandenburg ist immer noch Land der Autofahrer

Christian Scherf ist gnädig – grundsätzlich dürfen Autos bleiben. So lange der Sharing-Gedanke, also das Teilen eines Autos mit mehreren Menschen, im Vordergrund stehe, bleibe das Auto für weite Strecken eine Option.

Denn besonders in ländlichen Regionen in Brandenburg sind viele Menschen auf das Auto angewiesen. Über 60 Prozent der Pendler fuhren 2016 laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes mit dem Auto zur Arbeit. Etwa 30 Prozent nahm das Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel.

Pendeln mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad ist doch ganz leicht oder? Wir machen den Test.

In einer Welt ohne Autos wäre es erst gar nicht so weit gekommen, glaubt Professor Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin. „Wir leben in einem Siedlungsbrei, in dem das private Auto seit über 40 Jahren zum guten und modernen Leben dazugehört.“ Deshalb seien immer mehr Menschen von der Stadt aufs Land und damit weg von ihren Arbeitsplätzen gezogen.

Die Digitalisierung birgt die Chance, dass die Menschen künftig nicht mehr so oft fahren müssen. In einer Stadt ohne Autos arbeiten die Menschen entweder von zu Hause aus oder wohnen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. In Berlin nutzen sowieso nur noch durchschnittlich 30 Prozent das eigene Auto, den Rest erledigen sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad oder zu Fuß.

Autofreie Tage gibt es schon in Europa, eine Auswahl:

Knie selbst nutze alle Sharing-Möglichkeiten, die Berlin ihm so biete. Mit diesem Modell, glaubt der Wissenschaftler, ließe sich die Zahl der Autos in Berlin um 75 Prozent verringern. Kämen noch selbstfahrende Taxis wie „Olli“ hinzu, gäbe es in Berlin nur noch knapp 200.000 Autos. Was Wissenschaftler wie Christian Scherf und Andreas Knie zuversichtlich stimmt: Die Politik und auch die Autoindustrie habe Modelle wie Car-, Bike- oder Scootersharing blockiert – trotzdem konnten sie sich entwickeln.

Deutsche wollen nicht auf ihr Auto verzichten

Die Argumente gegen die Abschaffung von Autos in Städten liegen für den Verband der Automobilindustrie (VDA) auf der Hand: Im Jahr 2016 waren über 800.000 Menschen direkt in der deutschen Automobilindustrie beschäftigt. Zählt man die indirekten Arbeitsplätze dazu – Zulieferer zum Beispiel – sind es 1,8 Millionen Arbeitsplätze.

Eckehart Rotter vom VDA hält die Vorstellung einer autofreien Stadt für absurd: „Das käme einer Zwangsmaßnahme gleich!“ Er glaubt, dass die Menschen dazu nicht bereit sind. Und tatsächlich: Laut einer Allensbach-Umfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung würden nur rund zehn Prozent der Autofahrer sofort auf ihren Pkw verzichten.

Parkplätze als Raum für Künstler

Heiko Bruns vom Verein „autofrei leben!“ findet es eine Unverschämtheit, dass Autofahrer den öffentlichen Raum blockieren und zu viel Platz einnehmen. Ihn stören besonders die parkenden Autos in der Stadt. Deshalb plant er gerade den „Park(ing) Day“ – eine jährlich und weltweit stattfindende Besetzungsaktion von öffentlichen Parkplätzen.

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Heiko Bruns vom Verein „autofrei leben!“ findet Autos lästig. Fotos: Birgit Raddatz

Auf den Flächen entstehen kleine Parks, entweder für Kunstprojekte oder als Kinderspielzone. „Letztes Jahr hatten wir rund 30 Parks. Wir zeigen damit die Platzverschwendung durch Autos auf, und wie der Platz sinnvoller genutzt werden kann.“

Auch wenn sein Verein klein ist, will sich Heiko Bruns mit seiner Aktion gegen Autofahrer behaupten. Das Vorbild ist San Francisco – dort besetzte 2005 das Künstlerkollektiv REBAR erstmals öffentliche Parkplätze. Seit acht Jahren gibt es die Aktion in Berlin. Dieses Jahr wollen die Aktivisten die Bergmannstraße besetzen.

In Zukunft müssen Parkgebühren erhöht werden, damit das Autofahren unattraktiv wird, fordert Heiko Bruns. Wenn es nach ihm ginge, wäre Berlin schon längst autofrei. In einer Talkshow wurde er deswegen schonmal als „Autohasser“ bezeichnet. Bruns hat eine freiwillige Selbstverpflichtung zum Autoverzicht unterschrieben. Für ihn ist es kein Verzicht, für ihn ist es Freiheit.

Die SPD möchte, dass Deutschland Automobilstandort bleibt.  E-Mobilität soll gefördert und dadurch vermehrt Bauteile für Elektroautos hier gefertigt werden. Die Partei fordert Grenzwerte für den Schadstoffausstoß von Pkws auf EU-Ebene. Für Radfahrer will sie innerörtliche Fahrradspuren und Radschnellwege ausbauen. Außerdem schreibt sie in ihrem Wahlprogramm, dass die Bahn- und ÖPNV-Mobilität gefördert werden soll, beispielsweise mit dichter getakteten Fahrplänen. Auf die Anfrage der träumweiter-Redaktion hat die SPD nicht geantwortet.

Die Union schreibt in ihrem Wahlprogramm: Das Auto soll wichtig bleiben, aber bis 2050 abgasfrei werden. Öffentlichen Nahverkehr, Fahrrad- und Elektro-Mobilität wollen die Parteien fördern. Sie fordern günstigeren Zugang zum Nahverkehr, außerdem eine App, die die Verkehrsverbünde bündelt. Der Tenor insgesamt: Umweltschutz darf keine Arbeitsplätze gefährden. Auf unsere Nachfrage zu der Forderung „Privatautos zu verbieten!“ haben CDU/CSU nicht geantwortet.

Die Grünen wollen alle Alternativen zum Auto fördern: Car- und Bikesharing, E-Mobilität, Bahn und ÖPNV sowie Radwege.  Sie planen alle deutschen Verkehrsbünde durch eine einheitliche App zu vernetzen. Autos sollen ab 2030 abgasfrei sein. Privatwagen ganz zu verbieten kommt für die Grünen nicht in Frage, erklärte ein Sprecher auf unsere Anfrage. Denn das würde bedeuten, Menschen im ländlichen Raum von der Gesellschaft auszuschließen.

Die AfD spricht sich gegen die Diskriminierung von bestimmten Verkehrsmitteln aus – zum Beispiel Diesel-Autos. Nah- und Fernverkehrsnetze sollen ausgebaut werden. Die Partei stellt sich gegen Tempolimits und Umweltzonen. Mit einem bundesweiten „Konjunkturprogramm Infrastruktur“ (KPI) will die AfD Schienen, Brücken und Straßen sanieren. Auf die Anfrage der träumweiter-Redaktion zu der Vision „Privatautos verbieten!“ hat die Partei nicht geantwortet.

Die Linke hält eine autofreie Welt für eine verlockende Utopie: In 30 Jahren sei ein solches Verbot vorstellbar, sagte ein Sprecher auf Anfrage der träumweiter-Redaktion. Deshalb will die Linke Alternativen zum Auto fördern. Das heißt: mehr E-Mobilität, Ausbau von Radwegen und ein günstiger, fahrscheinloser Nahverkehr über eine einheitliche App. Tempo 30 soll Regelgeschwindigkeit in Ortschaften werden.

Die FDP will den Bürgern nicht vorschreiben, welches Verkehrsmittel sie zu nutzen haben. Zu der Vision „Privatautos verbieten!“ äußerten sie sich nicht – man müsse „alle Kräfte auf den Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag konzentrieren“, sagte ein Sprecher. Die Partei spricht sich in ihrem Wahlprogramm gegen die Subventionierung von Elektroautos aus, ist aber dafür in Brücken, Straßen und ÖPNV zu investieren. Zudem will sie die Weiterentwicklung von selbstfahrende Autos oder Drohnen fördern.

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