Ohne mein OK kein Tracking

Beobachtet zu werden, löst bei den meisten Menschen Unbehagen aus. Gegen das Werbetracking im Netz regt sich aber kaum Widerstand. Eine Frau will das ändern.

Die Werbewirtschaft hat einen Traum: den Traum von einem Menschen, der immer mit dem gleichen Browser am gleichen Laptop im Internet einkauft. Der die Browser-Daten regelmäßig mit seinem Smartphone synchronisiert. Die Werber träumen von einem Menschen, in dessen Wohnung ein Staubsaugerroboter herumfährt, der mit einer freundlichen, sanften Frauenstimme dem Kühlschrank sagt, ob der neue Milch beim Online-Lieferdienst bestellen soll.

Geraldine de Bastion hält das für einen Albtraum. Die Politikwissenschaftlerin beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des Digitalen, seit es das Internet gibt. Sie sagt: „Wir sind gerade an einem kritischen Zeitpunkt.“ De Bastion leitet den Verein Digitale Gesellschaft, der sich für Verbraucherschutz im Internet stark macht. De Bastion will, dass Menschen jedes einzelne Mal um ihre Einwilligung gebeten werden, wenn ein Konzern ihre Daten erheben möchte. Und dass Menschen auch ablehnen können, ihre Daten abzugeben. Diese Idee kommt einer Revolution gleich.

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Ein Banner im Büro des Vereins Digitale Gesellschaft. Foto: Antonia Märzhäuser

Ungezügelter digitaler Exhibitionismus

Bisher ist es ja so: Als Nutzer melden wir uns tagein, tagaus bei sozialen Netzwerken, Onlineshops und Smartphone-Apps an – und kaum noch ab. Was genau mit unseren Daten passiert, wissen wir nicht. Und so richtig interessieren tut es auch niemanden. Für eine Generation, die so auf Freiheit und Individualität setzt, ist dieser ungezügelte digitale Exhibitionismus erstaunlich. Geraldine de Bastion denkt, dass sich das Online-Tracking schon jetzt zunehmend in die Offline-Welt verlagert.

Vor Kurzem sorgte die Supermarktkette „Real“ für Aufsehen, als sie in ihren Märkten große Werbedisplays aufstellte. Die Bildschirme zeigten nicht nur Reklame, sondern kleine Kameras filmten auch die Gesichter der Kunden, analysierten ihr Geschlecht und Alter – um dem Publikum passende Werbung zu zeigen. Was die Kunden wussten: dass sie gefilmt werden. Was sie nicht wussten: dass sie dabei zu Werbezwecken analysiert werden. Aus Imagegründen stellte „Real“ die Tests wenige Wochen nach Einführung wieder ein.

Einwilligung – „Sonst gibt es keine Daten!“

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Schon immer internetbegeistert, macht sich stark für Datenschutz beim Verein Digitale Gesellschaft: Geraldine de Bastion. Foto: Antonia Märzhäuser

Ginge es nach Geraldine de Bastion, müssten alle Kunden aktiv um Erlaubnis gefragt werden. Beim Beispiel Supermarkt heißt das: Jede Person, die einkauft, müsste mit ihrer Unterschrift zustimmen, gefilmt zu werden. „Sonst gibt es keine Daten!“, fordert de Bastion. Ein solcher Umschwung würde viele Unternehmen schmerzen. Denn Daten sind ein riesiges Geschäftsmodell.

Vergangenes Jahr nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel Daten „die Rohstoffe des 21. Jahrhunderts“. Die CDU-Vorsitzende freut sich, wenn Unternehmen große Datenmengen zur Analyse nutzen. „Das Prinzip der Datensparsamkeit, wie wir es vor vielen Jahren hatten, kann heute nicht die generelle Leitschnur sein für die Entwicklung neuer Produkte“, sagt Merkel.

Mit Browsern lässt sich schwer Politik machen

„Dieser Handel muss aufhören“, sagt die Politikwissenschaftlerin de Bastion. Doch fällt es Privacy-Aktivisten wie de Bastion oft schwer, mit ihren Forderungen durchzudringen. Denn die Themen Privatsphäre und Datenschutz sind abstrakt und unsichtbar: Mit Browsern lässt sich nur schwer Politik machen. Mit der Überwachung von Bahnhöfen schon eher.

Außerdem ist das Thema noch zu jung, glaubt de Bastion: „Als Autos eingeführt wurden, hatte man auch kein Bewusstsein dafür, dass das alle zwei Jahre einen TÜV braucht.“ Deshalb hält sie ihre Forderung, dass Werbetracking nur noch mit ausdrücklicher Einwilligung passieren soll, in gewisser Weise für das digitale Pendant zur Anschnallpflicht im Auto.

Warum ist Privacy so schwer zu fassen?

Wer sich digital absichern will, ist bisher weitgehend auf sich allein gestellt. Oder setzt auf engagierte Mitmenschen. So haben Datenschutz-Aktivisten im Internet auf über 400 DIN A4-Seiten ein kostenloses „Privacy-Handbuch“ verfasst.

Darin erklären sie zum Beispiel, wie Internetnutzer in ihrem Browser dafür sorgen können, dass sich Cookies von alleine zerstören. Einer der Autoren, der unter dem Codenamen Topo anonym bleiben will, fordert von der Politik: „Die natürlichen Bedürfnisse der Menschen nach Privatsphäre sollten Vorrang vor den kommerziellen Interessen der datensammelnden Industrie haben.“

Staat als Entwickler neuer Software?

Große Hoffnungen setzt die Szene in die E-Privacy-Verordnung, die aktuell auf EU-Ebene verhandelt wird. Parallel dazu will de Bastion, dass es mehr und bessere Alternativen zu den Internet-Giganten gibt. Soll also der Staat selbst neue Programme entwickeln, zum Beispiel einen Tracking-resistenten Browser?

Nein, sagt die Politikwissenschaftlerin: „Aus meiner persönlichen Erfahrung aus dem entwicklungspolitischen Bereich kann ich sagen: Ich finde es nie eine gute Idee, wenn der Staat Entwickler von Software ist. Stattdessen gibt es viele Möglichkeiten, wie der Staat freie Software-Entwicklung fördern kann.“


Die E-Privacy-Verordnung

Die neue EU-Verordnung soll die in die Jahre gekommene Richtlinie aus dem Jahr 2002 ablösen – und die Datenschutzgrundverordnung flankieren, die im Mai 2018 in Kraft tritt. Eine der geplanten Änderungen: Die derzeit geläufigen Banner mit dem Schriftzug „Mit dem Besuch dieser Website akzeptieren sie die Verwendung von Cookies“ und dem „OK“-Button sollen unzulässig werden. Die Werbebranche läuft aktuell Sturm gegen die Pläne. Auch WhatsApp und Skype geraten ins Visier der neuen ePrivacy-Verordnung: Sie sollen künftig unter das Telekommunikationsgeheimnis fallen.

Das findet auch der Netzaktivist Daniel Domscheit-Berg. Vor sechs Jahren kehrte der frühere „WikiLeaks“-Sprecher der Hacker-Hauptstadt Berlin den Rücken – nicht aber der Szene und ihren Themen. Domscheit-Berg wohnt jetzt im brandenburgischen Fürstenberg, in einem gemütlichen Einfamilienhaus mit Frau und Sohn. Vom Bahnhofvorplatz fällt man quasi direkt in seinen Garten.

Privacy und staatliche Förderung - wie geht das zusammen?

„Wir verblasen Subventionen in Milliardenhöhe für alle möglichen Dinge. Aber es wird fast nichts subventioniert, was mit der Erforschung von Technologien zu tun hat, die sich im Privacy-Sektor befinden.“ Domscheit-Berg hat kein Verständnis dafür, dass wenig Geld in die Entwicklung von Open-Source-Software gesteckt wird. Damit ist Software gemeint, deren Quelltext öffentlich einsehbar ist – ganz im Gegensatz zur Software der meisten Unternehmen, die laut Domscheit-Berg eher an „schwarze Kisten“ erinnerten, deren genauer Inhalt unklar sei.


Open-Source

Sozusagen die Do-it-yourself-Bewegung für Software. Open-Source-Programme kann jeder nutzen, kopieren und verändern – meist kostenlos. Beispiele: der Internetbrowser Firefox, das Computer-Betriebssystem Linux und die Textverarbeitungsprogramme von OpenOffice. Sogar das Handy-Betriebssystem Android gibt es als Open-Source-Version.

Bleibt das Gegenargument, dass der Datenhandel ein Wirtschaftsmodell der Zukunft bleiben dürfte, von dem auch Kunden profitieren. Selbst in Branchen, bei denen man es auf den ersten Blick nicht erwarten würde, haben Daten in Konzernhand zu erstaunlichen Innovationen geführt. Das 2011 gegründete Startup Flixbus beherrscht heute den Fernbusmarkt. Überraschend ist: Die meisten Mitarbeiter bei Flixbus sind nicht etwa Busfahrer – sondern Programmierer.

Die IT-Fachleute greifen auf Nutzerdaten zurück, zum Beispiel aus der Flixbus-App, um die deutschlandweiten Fahrpläne zu verbessern. Hier gibt der Kunde also seine Daten ab, doch dafür kommt vielleicht auch der nächste Fernbus, mit dem er fahren will, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

„Ganz schlimm, wenn Politiker ohnmächtig tun“

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Der Hacker-Hauptstadt Berlin den Rücken gekehrt, aber nicht ihren Themen: Daniel Domscheit-Berg. Foto: Antonia Märzhäuser

Trotzdem bleiben die Datenschützer skeptisch. Topo vom „Privacy-Handbuch“ sagt: „Wir stehen erst am Anfang der umfassenden Datenauswertung. Es wird noch viel schlimmer werden.“

Kämpferischer ist Geraldine de Bastion: Wenig nervt sie mehr, als wenn Politiker beim Thema Internet Ohnmacht vorgeben. „Ich finde es immer ganz schlimm, wenn seitens der Politik so getan wird, als wenn man sich den Entwicklungen hingeben muss.“

Auch Daniel Domscheit-Berg ist optimistisch: „Das Individuum ist in unserer vernetzten Gesellschaft größer als je zuvor.“ Als Vorbild sieht er Max Schrems. Der österreichische Anwalt sorgte 2015 mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof dafür, dass ein ganzes Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA neu ausgehandelt werden musste. Beschwerden helfen also manchmal. Träume vielleicht auch.

Als Ziel ihrer Datenpolitik definiert die SPD das Recht auf Privatsphäre. Sie schreibt in ihrem Wahlprogramm aber auch, dass sich Datenschutz und die Nutzung von Daten als wirtschaftliches Potential nicht ausschließen. Wie Gesetze und Regelungen genau aussehen sollen, bleibt offen. Das gilt auch für das Thema Open-Software. Auf Nachfragen der träumweiter-Redaktion hat die SPD nicht geantwortet.

Ein Kapitel im Wahlprogramm der Union heißt „Digitalisierung ist Chefsache“.  Darin bleiben die Angaben zum Thema Datenschutz und Privacy jedoch vage, zu Tracking steht dort nichts. Die CDU will ein neues Datengesetz erarbeiten, welches regelt, auf welche Daten Wirtschaft und Sicherheitsbehörden zugreifen dürfen. Auf unsere Anfrage zu Privacy und Tracking antwortete die CDU: „Wir können derzeit nur auf unser Regierungsprogramm verweisen.“

Die Grünen setzen auf den „Grundsatz der Unüberwachtheit“ im Digitalen, sagt ein Sprecher der träumweiter-Redaktion. Beim Thema Open-Source gehen die Grünen weiter als die anderen Parteien: Sie wollen Standards für Software einführen. Nutzer sollen ihre Geräte auch unabhängig vom Willen des Herstellers beispielsweise mit Sicherheitsupdates ausrüsten können. Der Begriff „Tracking“ taucht jedoch weder im Wahlprogramm noch in der Antwort auf unsere Anfrage auf.

Ein Blick ins Wahlprogramm der AfD zeigt: Die Partei hat kaum Positionen zur  Netzpolitik. Zum Thema „Internet“ sagt sie: „Das Internet als Medium der Kommunikation, Information und freien Meinungsäußerung darf abseits der Verfolgung von Straftaten keinerlei Beschränkung und Zensur unterliegen.“ Auf die Anfrage zu Privacy und Tracking der träumweiter-Redaktion hat die AfD nicht geantwortet.

Die Linke teilt uns auf Anfrage mit: Ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung sei nur mit einem Recht auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung realisierbar. Heißt: Digitale Kommunikation soll verschlüsselt werden – „ohne Hintertür“. Nur so kann laut der Linken Privatsphäre auch im Internet gewährleistet werden. Die Partei fordert außerdem konsequentere Strafen für Unternehmen, die gegen Datenschutzauflagen verstoßen.

Die FDP fordert: Bürger sollen selber bestimmen können, was mit ihren Daten geschieht. Sie betont die Wichtigkeit der informationellen Selbstbestimmung und ist gegen Vorratsdatenspeicherung, Fluggastdatenerhebung oder automatische Kennzeichenerfassung mit dauerhafter Datenspeicherung. Nachfragen der träumweiter-Redaktion zum Thema hat die FDP nicht beantwortet. Man konzentriere „alle Kräfte auf den Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag.“

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